Zwei in einem

Gütersloh – rund 100.000 Einwohner, gelegen im sogenannten Möbelbecken in Ostwestfalen, rund 80 Kilometer nordöstlich von Dortmund gelegen. Hauptsitz von Miele und Bertelsmann. Und Heimat eines der ältesten Pfleiderer-Standorte, dessen Geschichte bis in das Jahr 1860 reicht.
Text: Guido Klinker Fotos: Pfleiderer Deutschland GmbH

24/7 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche wird am Standort Gütersloh in den zwei Werken gearbeitet. Die Rohspanfertigung und die Beschichtung sind voll ausgelastet. Eigentlich eine wunderbare Situation, mag man glauben. Doch für Werkleiter Dr. Björn König und seine Produktionsleiter Reinhard Klüsener und Christian Schulze-Johann wird die maximale Auslastung zunehmend zur Herausforderung. Denn der Standort Gütersloh von Pfleiderer ist ein reiner Industriestandort, mitten im Möbelbecken Ostwestfalen mit namhaften internationalen Möbel- und Küchenherstellern gelegen. Und die wachsen und haben einen zunehmenden Bedarf an Holzwerkstoffen. „Unsere Kunden erwarten ganz offensiv, dass wir mitwachsen“, berichtet Dr. Björn König. Das ist leichter gesagt als getan. Denn der Standort Gütersloh besteht eigentlich aus mehreren Standorten. Die Verwaltung liegt nahe dem Stadtzentrum, das Rohspanwerk – Werk II – etwa 3,2 Kilometer davon entfernt zwischen einem Miele-Werk und einer Bahnstrecke. Etwa einen Kilometer weiter befindet sich das Beschichtungswerk – Werk III. Während es hier noch ausreichend Fläche für potenzielle Erweiterungen gibt, sind die Möglichkeiten auf dem Gelände von Werk II ausgeschöpft.


Dr. Björn König, Werkleiter Gütersloh


GÜTERSLOH 2017

Gesamtareal (Werk): 276.769 m²
Kapazität Rohspan: 600.000 m³
„DecoBoard“: 32 Mio. m²
Zuschnitt: 116.000 m³
Imprägnierung: 120 Mio. m²
Stromerzeugung (KWK): Werk II: 110.000 MWh
Verladung: ø 75 LKW/Tag (18.200 LKW/Jahr)
Mitarbeiter: circa 470
Auszubildende: circa 30
Kapazität Werk II:

Spanplatte: ~ 600.000 m³
Kapazität Werk III:

Beschichtung: ~ 35 Mio. m²
Imprägnate: ~ 120 Mio. m²
Dr. Björn König ist seit August 2017 für das Werk Gütersloh verantwortlich. Zuvor leitete er mehrere Jahre das Pfleiderer-Werk in Baruth. Schnell war ihm klar, worin seine Hauptaufgabe besteht: „Wir müssen uns kompromisslos auf unsere Industriekunden ausrichten. Die wachsen nicht nur im Volumen. Sie wachsen auch in ihren Ansprüchen und erwarten immer mehr Flexibilität, Qualität, Betreuung und Kooperation. Wir müssen besonders daran arbeiten, flexibler zu werden“, so der Werkleiter. Die kurzen Wege zu den großen Kunden der Region sind dabei ein großer Vorteil. Reinhard Klüsener, Produktionsleiter im Beschichtungswerk Werk III fährt bei Bedarf lieber einmal selbst zu einem Kunden wie dem Küchenhersteller nobilia, als Fragen und Probleme am Telefon zu klären. „Nähe“ ist ein Zauberwort in Gütersloh.

Daneben zeichnen den Standort der hohe Automatisierungsgrad sowie die logistischen Herausforderungen aus. Beide Werke sind weitestgehend vollautomatisiert. „Bei uns in Werk III bedeutet das: Wir fassen das Material erst an, wenn es mit dem Gabelstapler in den LKW gehoben wird“, erzählt Reinhard Klüsener. Und so dauert es eine Weile, ehe man beim Rundgang auf einen Mitarbeiter trifft. Eintreffende Spanplatten werden automatisch an die Maschinen gebracht, von dort wieder abgeholt und in die vier Automatikläger verfrachtet – einmalig bei Pfleiderer. Ähnlich ist es im Werk II. „Eigentlich brauchen wir nur rund zehn Mitarbeiter, die die Anlagen bedienen“, berichtet Christian Schulze-Johann. Insgesamt sind es in beiden Werken jedoch 375 Kolleginnen und Kollegen, die an allen operativen Prozessen beteiligt sind.



Reinhard Klüsener, Produktionsleiter


Aufgrund der Lage der Werke und der Verwaltung geht man in Gütersloh besondere Wege, um die Abläufe so schlank wie möglich zu halten. Jeden Morgen treffen sich Dr. Björn König und die Produktionsleiter – bei Bedarf ergänzt um weitere Kollegen – und besprechen aktuelle Themen. Anders als an anderen Pfleiderer- Standorten muss in Gütersloh die Kommunikation besonders gut organisiert sein. Die Verantwortlichen treffen sich und die Kolleginnen und Kollegen nicht zufällig auf dem Flur und laufen sich auch nicht anderweitig über den Weg. Präsenz vor Ort muss hier geplant werden.




Christian Schulze-Johann ist erst vor kurzem die Nachfolge von Peter Beckert angetreten, der über viele Jahre die Produktion von Werk II geleitet hat und „jede Schraube mit Vornamen kennt“, wie Christian Schulze-Johann lächelnd berichtet. Viel hat er von ihm lernen können in den letzten Jahren und weiß daher auch, was rund um Werk II zu managen ist. „Aufgrund unserer Lage sind wir ein sehr schlankes Werk mit einigen Auflagen. So dürfen LKW am Wochenende und in der Nacht nicht fahren. Wir müssen also ausreichend Späne lagern können, damit das Werk rund um die Uhr produzieren kann“, berichtet der Produktionsleiter. Meist im Sommer steht dann eine Wartungsphase an, in der das Werk stillliegt und bis zu 600 Fremdarbeiter auf dem Gelände sind, die alle koordiniert werden müssen. „Haben sie ihre Arbeit erledigt, fangen wir eigentlich schon mit der Planung der Wartung für das nächste Jahr an.“

HISTORIE

1860 Gründung der Holzhandlung für Bahnschwellen und Grubenholz Grubenholzhandlung L. Ruhenstroth

1923 Ruhenstroth errichtet das Furnier- und Sperrholzwerk WIRUS (Ableitung aus dem Namen Willy Ruhenstroth)

1949 Beginn der Spanplattenfertigung

1960 Beginn der Produktion melaminharzbeschichteter Holzwerkstoffe

1988 Pfleiderer erwirbt die Mehrheitsbeteiligung an WIRUS

2013 Umfirmierung zu Pfleiderer Gütersloh GmbH


WERK II

1968 Produktionsbeginn

1977 Erweiterung mit 2. Produktionslinie

1995 Errichtung der ContiRoll-Hochleistungspresse

2000 Bau der Energiezentrale und Kapazitätsausbau Rohspanfertigung auf 2.000 m³/Tag


WERK III

1989 Produktionsbeginn

1996–2005
Systematische Erweiterung von Produktionskapazitäten, Energieversorgung und Logistik: 3 Beschichtungsanlagen, 3 Imprägnierkanäle mit Katalysator, 1 Zuschnittsäge

Etwa 95 Prozent der Spanplattenproduktion werden in Werk III beschichtet. Angesichts der Entfernung hat Pfleiderer einen Pendelverkehr eingerichtet. Drei LKW wurden dafür extra gebaut, um drei- bis viermal in der Stunde rund 200 Spanplatten von Werk II zu Werk III zu fahren. Rund 500.000 m3 werden auf diese Weise pro Jahr transportiert.


Christian Schulze-Johann, Produktionsleiter


Man weiß sich in Gütersloh eben zu helfen und zieht an einem Strang. Eine Eigenschaft, die Dr. Björn König schon nach seinen ersten Tagen in Ostwestfalen beeindruckt hat. „Hier arbeitet eine tolle Truppe“, erzählt er. „Ohne ihren Einsatz gäbe es den Standort vielleicht gar nicht mehr.“ 1995 war es, als das Spanplattenwerk nahezu vollständig abbrannte. „Über Nacht haben die Mitarbeiter eine neue Anlage eingebaut, die eigentlich für einen anderen Standort vorgesehen war, und damit die Ausfallzeit deutlich verringert. Dies zeigt, welche Mentalität hier herrscht.“ Auf allen Ebenen des Standortes identifizieren sich die Mitarbeiter mit „ihrem“ Pfleiderer. „Es ist unglaublich, welche Jubilarfeiern es hier gibt und wie viele Familien hier arbeiten“, erzählt Dr. Björn König. Pfleiderer ist ein beliebter Arbeitgeber in der Stadt und hat daher auch wenig Probleme, Nachwuchs für das Unternehmen zu gewinnen – trotz des Wettbewerbs mit den namhaften Unternehmen am Ort um die besten Köpfe. Die neue Ausbildungswerkstatt macht Pfleiderer für Berufsanfänger zusätzlich attraktiv.

Dr. Björn König und sein Team haben viel vor, um den Standort Gütersloh in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. „Die Rahmenbedingungen sind sehr gut“, so der Werkleiter. „Wir müssen allerdings unsere Hausaufgaben machen.“ Dazu gehört die Investition in eine neue Kurztaktpresse, die Ende dieses Jahres eine alte ersetzen und dazu beitragen wird, das Leistungsniveau hoch zu halten. Zwischendurch darf aber gefeiert werden: Das Spanplattenwerk Gütersloh feiert nämlich in diesen Tagen 50. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!
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